| Tadic und die Vergangenheitsbewältigung Serbiens |
| Dienstag, den 20. Oktober 2009 um 12:04 Uhr |
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Der serbische Präsident, Boris Tadic, gab für die "Welt" ein Interview. Auf die Frage hin, ob die serbische Gesellschaft nicht offener mit ihrer Vergangenheitsbewältigung umgehen solle, erklärte Tadic: „Die Serben sind auf dem Balkan das Volk, das den größten Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung leistet. Leider bin ich der einzige Präsident, der sich für die Verbrechen seines Landes entschuldigt hat. Und ich finde es sehr bedauerlich, dass die anderen Präsidenten es versäumt haben, sich für die Gräuel zu entschuldigen, die an meinem Volk begangen wurden. Eine Täterrolle für Serbien muss ich ablehnen.“
Tadic hat sich tatsächlich offen für die, von den Serben begangenen Massaker an die bosnischen Muslimen in Srebrenica entschuldigt. Das Massaker von Srebrenica mit seinen bis zu 8'000 Toten wurde vom UN-Kriegsverbrechertribunal offiziell als Völkermord eingestuft. Angesicht dieser Tatsache fragt sich nun, ob man diese Entschuldigung überbewerten sollte.
Im Kosovo haben serbische Truppen ebenfalls Verbrechen an der albanische Zivilbevölkerung verübt. Diese Verbrechen wurden allerdings (noch) von keinem Internationalen Gericht offiziell als Völkermord klassifiziert, Verbrechen bleiben es jedoch trotzdem. Wenn Tadic nun sagt, er habe sich für die Verbrechen seines Landes entschuldigt, entspricht das nicht der Wahrheit, denn im Falle Kosovo hat er es nicht getan. Eine Täterrolle für Serbien lehnt der serbische Präsident schliesslich ohnehin ab.
Dies tut auch der serbische Außenminister, Vuk Jeremic. Bei der letzten Versammlung vor dem UN-Sicherheitsrat zum Thema "Kosovo", beklagte Jeremic – wie so oft – die Verbrechen an der serbischen Minderheit im Kosovo. Als der kosovarische Aussenminister, Skender Hyseni, ihn daraufhin auf die von den Serben begangenen Verbrechen an die Albaner im Kosovo aufmerksam machte, verwies ihn Jeremic auf den früheren Präsidenten Milosevic, der diese Verbrechen zu verantworten habe. Gewiss, eine Täterrolle lehnt Serbien ab, die Opferrolle nimmt es allerdings gerne in Anspruch.
Im Übrigen hat Milosevic in Serbien nicht an Popularität eingebüsst, weil er viele Kriege auf dem Balkan zu verantworten hat, sondern vielmehr weil er all diese Kriege verloren, sich selber und seine Familie jedoch auf kriminelle Art und Weise bereichert hat, während das eigene Land immer kleiner wurde.
In der serbischen Gesellschaft werden diese Verbrechen in weiten Teilen geleugnet oder relativiert. Mehr noch, es heisst, die Massaker im Kosovo wurden inszeniert, um den NATO-Angriff auf Serbien zu rechtfertigen. Die 800'000 vertriebenen Albaner seien in Wahrheit nicht von den Serben vertrieben worden, sondern flohen vor den NATO-Bomben. Wenn also der serbische Präsident erklärt, die Serben leisten den grössten Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung, würde ich ihm gerne entgegnen, dass die Serben im Verhältnis zu ihrem Anteil an den Verbrechen in den Jugoslawien-Kriegen den geringsten Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung leisten, hingegen den grössten zur Relativierung und Leugnung eben dieser Verbrechen.
Kommentar geschrieben von Besart Kelmendi
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